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Der Bund; 01. 05. 2006

Everest-Pioniere im Rampenlicht

 


Männer mit Profil: Die Schweizer Everest-Pioniere Hansruedi von Gunten, Ernst Reiss und Jürg Marmet (v. l.).

Drei alte Männer, die Beeindruckendes erzählen:

Hansruedi von Gunten, Ernst Reiss und Jürg Marmet

Vor fünfzig Jahren erreichten sie nach abenteuerlicher Reise und langem Anmarschweg die Gipfel des Lhotse und des Mount Everest. Gestern sind die drei noch lebenden Everest-Pioniere von 1956 in Bern geehrt worden: Hansruedi von Gunten, Ernst Reiss und Jürg Marmet.

Einen Tag lang standen sie gestern im Kultur-Casino Bern im Mittelpunkt und erzählten vor mehreren hundert Zuhörern, wie damals, 1956, ein Traum für sie Wirklichkeit geworden war: die Besteigung des Mount Everest, des höchsten Berges der Welt, und des 8501 m hohen Lhotse (vgl. «Bund» vom 28. April). Doch in der Pause nach der angeregten Podiumsdiskussion zum Thema «Expeditionsbergsteigen gestern und heute» zogen sich der 86-jährige Ernst Reiss, der 79-jährige Jürg Marmet und der 78-jährige Hansruedi von Gunten «zum Durchatmen» in einen Nebenraum zurück und freuten sich, dass dessen Fensterfront den Blick öffnete zum plötzlich klar sichtbar gewordenen herrlichen Alpenpanorama am Horizont. «Dort», sagte von Gunten zu Reiss, «neben der Blüemlisalp – das Gspaltenhorn. Weisst du noch?»

Damit, befreit vom Scheinwerferlicht, das an diesem interessanten «Everest Event» des SAC und der Schweizerischen Stiftung für Alpine Forschung auf sie gerichtet war, liessen sie durchblicken: Die Berge sind es, die sie faszinieren. Die Berge schlechthin. Nicht nur der prestigeträchtige Everest – es kann durchaus auch das Gspaltenhorn sein.

«Eggler liess uns den Vortritt»

Doch damals, eben, war es der Everest. Dass alle drei anwesenden Pioniere von 1956 - von der elfköpfigen Expedition sind es die letzten drei, die noch leben - einen Gipfelerfolg feiern konnten (von Gunten und Marmet erreichten den Everest, Reiss den Lhotse), habe sich «einfach so ergeben», sagte von Gunten. Expeditionsleiter Albert Eggler habe im entscheidenden Moment seine persönlichen Ambitionen zurückgesteckt. «Es war beeindruckend», sagte Marmet, «wie Eggler auf dem Südsattel entschied, nicht selber auf den Gipfel zu steigen, sondern uns zwei Jungen den Vortritt zu lassen, obschon er dazu zweifellos auch in der Lage gewesen wäre. Seine Grösse beim Abwägen zwischen Teamführung und Eigeninteresse hat mich tief berührt.»

Nach der triumphalen Rückkehr vom Everest war Marmet damals monatelang in aller Welt als Vortragsredner unterwegs, während für Hansruedi von Gunten wieder der Alltag als Chemiker begann. «Endlich sind Sie wieder da», habe ihm sein Chef gesagt – und gefragt: «Was haben Sie aber eigentlich dort oben gemacht?»

«Perfekte Weltklasseleistung»

Oswald Oelz, Chefarzt in Zürich, Everest-Besteiger und Verfasser des Jubiläumsbuches «Everest-Lhotse, Schweizer am Everest 1952 und 1956» (AS-Verlag) zog gestern den Hut vor den Pionieren von damals. Die Besteigung des Lhotse durch Fritz Luchsinger und Ernst Reiss («wie sie durch diese steile Rinne bis auf den Gipfel vorstiessen und dann problemlos wieder abstiegen») sei bewundernswert. Und die Everest-Zweit- und Drittbesteigung (durch die Berner Jürg Marmet/Ernst Schmied am 23. und Hansruedi von Gunten/Dölf Reist am 24. Mai 1956 seien «eine für die damalige Zeit perfekte Weltklasseleistung» gewesen - auch «im Vergleich zu dem, was in den folgenden Jahren und Jahrzehnten am Everest gebastelt wurde».

Auch heute würden alpinistische Superleistungten erbracht, sagte Oelz, nicht aber am Everest.

Ein Wort zu den Sherpas

Schön, dass die Bergjournalistin Christine Kopp zusammen mit der – als Ehrengast an den «Everest-Event» eingeladenen – Sherpani und zweifachen Everest-Besteigerin Pempa Doma deutlich machte, dass all diese 8000er-Spitzenleistungen westlicher Bergsteiger nur dank Unterstützung durch die Sherpas und andere Helferinnen und Helfer zu realisieren sind. Das hatte auch Albert Eggler vor fünfzig Jahren schon geschrieben: «Ohne die Leistungsfähigkeit der Sherpas wäre es nicht möglich, in den Himalaja vorzustossen.»

Nachdenklich stimmen in diesem Zusammenhang aktuelle Meldungen vom Everest: Vorletzte Woche starben wieder drei Sherpas bei der Ausübung ihres gefährlichen Berufs - sie wurden im Khumbu-Eisfall von einem riesigen herabstürzenden Eisturm erschlagen. Für die amerikanischen Bergsteiger, für die sie Everest-Wegbereiter waren, soll das jedoch kein Grund gewesen sein, ihre Expedition abzubrechen.

VALéRIE CHéTELAT

 

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