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Der Bund; 28. 04. 2006


Der Berner Bär im Gipfelwind


Vor 50 Jahren erklommen sie als Zweite den Mount Everest: Die Berner Jürg Marmet/Ernst Schmied und Hansruedi von Gunten/Dölf Reist
Am 23. Mai 1956 waren die Verhältnisse am höchsten Berg der Welt so gut, dass Jürg Marmet zu seinem Seilgefährten Ernst Schmied meinte: «So Aschi, itz göh mer ufe Gipfu!» Dann erklommen sie den 8850 Meter hohen Mount Everest – einen Tag vor Hansruedi von Gunten und Dölf Reist.
 

Die sensationelle Schweizer Erfolgsmeldung ging um die Welt: Die New Yorker «Herald Tribune» titelte auf der Frontseite «Swiss Climb Everest and Lhotse – Conquer two Peaks in 6 days», der «Daily Telegraph» schrieb von einem «Triumph against illness», einem Triumph gegen Erkrankungen, die italienische «Epoca» feierte «Gli Svizzeri sull’Everest» auf 16 Bilderseiten. Und der «Bund» schilderte, wie die «Berner Bergsteiger» später in Zürich-Kloten «mit Jubel begrüsst» wurden, nachdem sie mit einer Swissair-DC-6B aus Athen sicher wieder in der Heimat gelandet waren.

Und als die Helden später im Berner Rathaus von Bundespräsident Feldmann und Regierungspräsident Bauder offiziell geehrt wurden, notierte er überschwänglich: «Man möge uns nicht des Lokalpatriotismus bezichtigen, wenn wir einmal hervorheben, dass die Expedition, die nach der erfolgreichen Besteigung des Mount Everest und des Lhotse dieser Tage nach der Schweiz zurückgekehrt ist, zum überwiegenden Teil aus dem Bernbiet sich rekrutierte; bernische Ausdauer, aber auch bernische Gründlichkeit haben damit einmal mehr zum Ziel geführt und den Berner Bären stolz im Gipfelwind des höchsten Berges der Welt flattern lassen.»

Sieben Tonnen Material

Ausdauer und Gründlichkeit waren tatsächlich nötig, um im damals noch kaum erkundeten Niemandsland des Himalaja als Erste der Welt den 8501 m hohen Lhotse zu bezwingen (Fritz Luchsinger/Ernst Reiss am 18. Mai) und drei Jahre nach Hillary/Tenzing am 23. Mai (Jürg Marmet/Ernst Schmied) und am 24. Mai (Hansruedi von Gunten/Dölf Reist) als zweite und dritte Seilschaft den 8850 Meter hohen Gipfel des Mount Everest zu erreichen.

Schon die Schiffsreise mit sieben Tonnen Material – 300 Kisten, Fässern, Säcken, Leichtmetallleitern, Sauerstoffflaschen, Sprengstoff und Lebensmitteln – von Genua durch den Suezkanal nach Bombay und die 2000 Kilometer lange Bahnfahrt zur Grenze nach Nepal waren aufwändige Abenteuer – bevor die Expedition in den Himalaja erst richtig begann.

Viele Sherpas und Träger

Das Ziel erreichte die vom Berner Fürsprecher und Alpinisten Albert Eggler geleitete Truppe fast vier Monate nach der Abreise, nachdem sie zeitweise von zwei Dutzend Sherpas und über 350 Trägern begleitet war. Wer im entscheidenden Moment «in der günstigsten Ausgangsposition und in der besten momentanen Verfassung war», sagte Eggler später, habe die Gipfelchance erhalten – so wie am 23. Mai 1956 eben Ernst Schmied und Jürg Marmet.

Schmied meinte vor zehn Jahren in einem «Bund»-Interview, es habe sich «halt einfach so ergeben» – im entscheidenden Moment habe er sich gesagt «so Aschi, itz oder nie, wes geit, muesch itz eifach ufe». Und Jürg Marmet erinnerte sich, wie er Schmied zum letzten Lager nachgestiegen war und ihm gesagt habe: «So Aschi, itz göh mer ufe Gipfu!»

Gemeinsam und «bewusst gleichzeitig» hätten sie dann den Gipfel erreicht und fast eineinhalb Stunden die überwältigende Aussicht genossen: «Richtung Tibet war es absolut klar, von der Südseite her stiegen Monsunwolken auf. Wir hatten riesengrosse Freude.»

Aus Schmieds Tagebuch

Im «Bund» vom 5. Juli 1956 veröffentlichte Ernst Schmied seine Tagebuchnotizen. «Um die Mittagsstunde ist die Firnkuppe des Vorgipfels erreicht (8754 m)», hielt er fest, «riesige Wächten ragen weit in den wolkenlosen Himmel der Ostseite. Vor uns steht als letztes Hindernis der Gipfelgrat. Sein Fels besteht aus wackeligen, groben Kalkblöcken. Zwei Stimulantabletten ersetzen das längst fällige Mittagessen, welches hartgefroren im Treibschnee des Lagers VII liegt. Der Verbindungsgrat scheint wohl stärker verwächtet als bei der ersten Besteigung von 1953, jedoch in begehbarem Zustand zu sein. Nach einigen Aufschwüngen, unterbrochen von tiefen Scharten, stehen wir vor dem letzten und grössten Hindernis, einem zirka 15 Meter hohen Kamin. Tief schöpfen wir Atem, bevor wir den durch die Erstbesteiger voller Respekt geschilderten Aufschwung angehen. Bald ist auch diese Stelle hinter uns, und über steile Firnkappen steigen wir voller Ungeduld weiter. Ganz unversehens fällt um uns der Firn in die Tiefe. Der höchste Berg der Welt ist zum zweiten Mal bestiegen, erstmals von Europäern.»

«Niedriger als der Everest»

Eindrücklich hielt Schmied die Glücksgefühle auf dem Gipfel fest: «Benommen stehen wir für Augenblicke auf der schmalen Gratkante. Wir gedenken unserer Vorgänger Hillary und Tenzing, welche erstmals vor drei Jahren diesen einmaligen Ort erreichten. Viele haben seit dem ersten Versuch im Jahre 1921 um den ersehnten Erfolg gekämpft. Von den Tapfersten hat der Berg behalten. Sie liegen wohl still in den riesigen Plattenschüssen der Nordflanke. Eine unbändige Freude übernimmt uns plötzlich, und wir umarmen uns immer wieder von neuem. Freudentränen versickern ungesehen in der Maske und den fünf Monate alten Bärten. Wir hissen die Wimpel von unserem Gastland Nepal und das Schweizer Fähnchen.»

Später räumte der – 2002 verstorbene – Ernst Schmied ein, sich damals trotz hervorragender Organisation durch Albert Eggler in ein nicht kalkulierbares Abenteuer eingelassen zu haben. «Wir haben Glück gehabt», sagte er im «Bund» vom 9. Mai 1996, «unser Arzt, Edi Leuthold, hat zweien von uns das Leben gerettet. Fritz Luchsinger lag im Basislager drei Tage und drei Nächte mit geplatztem Blinddarm im Koma, Diem hatte über 40 Grad Fieber, Reiss litt an Amöbenruhr. Und auf dem Rückmarsch erkrankten mehrere an Gelbsucht. Die Strapazen und gesundheitlichen Risiken waren nicht zu unterschätzen. Doch wir sagten uns: Wir gehen vorwärts, bis drei von uns tot sind – erst dann kehren wir um.»

«Angst hatten wir nie»

Angst hätten sie nie gehabt, sagte Schmieds Seilgefährte Jürg Marmet am 18. Mai 2002 im «Bund»: «Hie und da war es uns nicht ganz wohl, wenn von links oder rechts oben Lawinen oder Eisbrüche drohten. Doch das ist halt das Risiko. Das weiss man einfach.»

Dass ihrer Expedition nach Hillary/Tenzing 1953 «nur» die Zweit- und Drittbesteigung des Mount Everest blieb, ist für Marmet «in Ordnung». Die Engländer hätten sich seit 1922 immer wieder an diesem Berg versucht, sagt er, das «Spiel zwischen Engländern und Schweizern» sei stets fair gewesen. So hätten sie und Hillary ganz entscheidend auch von den Erkenntnissen profitiert, die der Genfer Raymond Lambert und seine Leute bei ihrem knapp gescheiterten Erstbesteigungsversuch 1952 gemacht hätten: «Wir kannten Lamberts Route, hatten Fotos zur Verfügung, konnten uns den idealen Weg zurechtlegen. Und wir wussten, wie der Everest-Gipfelgrat beschaffen war – jenes Felsstück, das nun ,Hillary Step‘ heisst. Dort steigt man mit dem rechten Fuss im Eis, mit dem linken Fuss auf dem Fels – und hält sich am Fels. Für uns war wichtig, zu wissen, dass diese Passage machbar ist.»

Es lag am Sauerstoff

Marmet ist überzeugt, dass Lambert mit den Sauerstoffgeräten, die später Hillary zur Verfügung standen, den Gipfel wohl erreicht hätte. Viele Expeditionen seien am Sauerstoffproblem gescheitert: «Wir trugen damals allein für den Sauerstoff etwas über sechs Kilogramm mit. Dazu kamen Wärme- und Bergsteigermaterial, Seil, Pickel, Kameras, kaum etwas zu essen – gesamthaft vielleicht etwa 15 Kilogramm.»

Und im Rucksack hatte Marmet «für die beschaulichen Momente» der – sechs Monate und elf Tage dauernden – Everest-Expedition stets auch seine Tabakpfeife dabei: «Etwa bis auf 6600 Meter über Meer habe ich sie zwischenhinein immer etwa angezündet.»



EXTRA

«Diese Pioniere sind einmalig»

Der Berner Bergsteiger Kari Kobler, der in vier von ihm geleiteten Expeditionen zwischen 2000 und 2005 den Everest-Gipfel schon zweimal erreicht und zwölf Expeditionsteilnehmern (zusammen mit elf Hochträgern) den Gipfelerfolg ermöglicht hat, äussert sich voller Bewunderung über die Schweizer Pioniere von damals.

«Diese Pioniere sind einfach einmalig – Menschen, die ein Ziel vor Augen hatten und es verfolgten», schrieb er per Mail aus dem Basislager: «Solche Pioniere fehlen heute ein bisschen, aber vielleicht liegt es auch daran, dass es kaum noch neue Ziele gibt.» Er gibt aber auch zu bedenken, dass auch die Pioniere von 1956 «ohne finanzielle Unterstützung aus irgendwelchen Kassen» nicht ans Ziel gekommen wären.

Kobler ist derzeit mit einer Gruppe von acht Bergsteigerinnen und Bergsteigern, acht Hochträgern und vier Sherpas Richtung Lhotse und Everest unterwegs. Auch zwei Frauen sind dabei: Veronika Meyer hat den Everest im Visier, die Bernerin Michèle Mérat, die als zweite Schweizerin den Everest-Gipfel bestieg, möchte den Lhotse-Gipfel erreichen.

Obschon die technischen Schwierigkeiten nicht anders seien als vor fünfzig Jahren, sagt Kobler, gebe es heute doch ganz entscheidende zusätzliche Hilfestellungen: «Der Khumbu-Eisfall muss nicht mehr selber eingerichtet werden. Die Sauerstoffflaschen sind leichter und sicherer geworden. Man weiss viel mehr über die Route, über das Wetter und über die Akklimatisation, was die Expedition heute viel sicherer macht.» Auch die Ausrüstung, die guten Schuhe und «die nicht zu unterschätzende Erfahrung der Leiter» mache eine Everest-Expedition heute besser kalkulierbar. «Es ist aber immer noch als Abenteuer einzustufen», betont Kobler.

Er hofft nun «auf ein langes und gutes Wetterfenster zwischen dem 5. und 25. Mai» und ist froh, «dank Meteotest in Bern stets über die besten Wetterinformationen zu verfügen». (wd)

EXTRA

Die Pionierleistung vor 50 Jahren

Der dreifache Gipfelerfolg Die Schweizer Lhotse-Everest-Expedition, der am 18. Mai 1956 die Erstbesteigung des 8501 m hohen Lhotse (Luchsinger/Reiss), am 23. Mai 1956 die Zweitbesteigung des 8850 m hohen Mount Everest (Schmied/Marmet) und am 24. Mai 1956 dessen Drittbesteigung (von Gunten/Reist) gelang, war von der Schweizerischen Stiftung für Alpine Forschung initiiert worden.

Die elf Expeditionsteilnehmer
Es gehörten ihr elf erfahrene und vorwiegend aus dem Bernbiet stammende Alpinisten an: Albert Eggler, Expeditionsleiter, Fürsprecher, 1913–1998, Ernst Schmied, Kaufmann, Inhaber eines Lederwarengeschäfts in Bern, 1924–2002, Jürg Marmet, Naturwissenschaftler, Jahrgang 1927, Hansruedi von Gunten, Chemieprofessor, 1928, Dölf Reist, Flugzeugspengler und Fotograf, 1921–2000, Wolfgang Diehl, Jurist, 1908-1990, Edi Leuthold, Expeditionsarzt, 1928–2000, Hans Grimm, Zahnarzt, 1912–1988, Fritz Luchsinger, Instruktionsoffizier, 1921–1983, Fritz Müller, Glaziologieprofessor, 1926–1980, Ernst Reiss, Flugzeugmechaniker, 1920.


Inzwischen waren 2557 oben

Der Gipfel wurde erstmals am 29. Mai 1953 durch den Neuseeländer Sir Edmund Hillary und dem nepalesischen Sherpa Tenzing Norgay bestiegen. Inzwischen haben 2557 Personen den Gipfel erreicht, 179 kehrten nicht mehr zurück.

Ausstellung, Event, Buch

Bis zum 12. August ist im Alpinen Museum Bern eine Ausstellung über die Schweizer Lhotse-Everest-Expedition 1956 zu sehen. Nächsten Sonntag findet im Kultur-Casino Bern ein «Everest-Event» des SAC mit Filmen, Diskussionen und Vorträgen statt – mit den drei noch lebenden Expeditionsteilnehmern von 1956 Jürg Marmet, Hansruedi von Gunten und Ernst Reiss. Und im AS-Verlag ist soeben das von Oswald Oelz verfasste und mit vielen historischen Aufnahmen illustrierte Buch «Everest-Lhotse, Schweizer am Everest 1952 und 1956» erschienen. (wd)

 

Swiss Foundation for Alpine Research . Schweizerische Stiftung für Alpine Forschung . Fondation Suisse pour Recherches Alpines . Fondazione Svizzera per Ricerche Alpine
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