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Blick; 29. 04. 2006


Vor 50 Jahren eroberten Schweizer Bergsteiger den Lhotse und den Mount Everest

«Jetzt simmer dobe, Fritz»

 

BERN. Als wäre es gestern gewesen. Drei Schweizer Gipfelstürmer erzählen, wie sie vor 50 Jahren im ewigen Schnee des Himalaya Geschichte geschrieben haben.

Stolz hält Ernst Reiss (86) das Foto eines gewaltigen Bergmassivs. Links der Mount Everest (8850 m), der König der Berge. Daneben der Lhotse (8516m), der Reiss weltberühmt gemacht hat. Dort oben stand er am 18. Mai 1956. Zusammen mit seinem Seilkameraden Fritz Luchsinger. Als erste Menschen überhaupt. Das Tibet-Fähnchen ist die Original-Gipfelflagge.

Elf Schweizer Bergsteiger brechen vor 50 Jahren zur grossen Himalaya-Expedition auf. Was sie danach der Welt berichten, ist eine Sensation. Gleich ein dreifacher Gipfelsturm ist ihnen gelungen: Neben dem Lhotse schaffen sie auch die Zweit- und Drittbesteigung des Mount Everest. Von den Gipfelstürmern leben heute nur Jürg Marmet (79), Hansruedi von Gunten (78) und Lhotse-Bezwinger Reiss. Dass die Seilschaft Reiss-Luchsinger den vierthöchsten 8000er bezwang, grenzt an ein Wunder. Die Tage zuvor liegt Luchsinger mit einem geplatzten Blinddarm bewusstlos im Bergkloster Thyangboche.

Expeditionsarzt Edi Leuthold kann unter den gegebenen Bedingungen nicht ans Operieren denken. «Edi wich Tag und Nacht nicht von Luchsingers Seite und pflegte ihn wieder gesund», schildert Reiss die dramatische Situation. Als die beiden Tage später vom Lager VI nach einem sechsstündigen Aufstieg den Gipfel des Lhotse erreichen, sagte Reiss trocken zu Luchsinger: «Jetzt simmer dobe, Fritz.» Zu BLICK meint Reiss: «Wir haben den Berg nicht bezwungen, der Berg hat uns beschenkt.»

Nicht weniger Aufsehen erregt der Sturm auf den Everest. Am 23. Mai stehen Marmet und Ernst Schmied (78) auf dem Dach der Welt. Keine 24 Stunden später doppeln von Gunten und Dölf Reist nach.

Eigentlich ist der Berner Jürg Marmet für die Everest-Besteigung gar nicht vorgesehen. Der Doktor der Chemie, der auch das Bergführerpatent hat, soll die Sauerstoffgeräte betreuen. Doch je näher der Gipfel rückt, umso mehr wird «Märmu» zum ernsthaften Gipfelkandidaten. Im Lager VI steht fest, dass er mit Schmied vom Südsattel aus aufsteigen würde.

«Ich war stolz, dass ich als Schweizer Bergführer auf dem Everest stand», schildert Marmet den unvergesslichen Moment. Rund zwei Stunden bleiben Marmet und Schmied auf dem Gipfel und geniessen den überwältigenden Blick vom Dach der Welt.

Genauso lange oben bleiben am anderen Tag auch die Drittbesteiger Hansruedi von Gunten und Dölf Reist. «Ich sehe heute noch, wie Dölf auf dem Gipfel seelenruhig die Filme in seiner Kamera auswechselt», erzählt von Gunten, der auch als bald Achtzigjähriger noch regelmässig klettert.

In Erinnerung bleibt Marmet und von Gunten ein Ereignis nach der Rückkehr ins Lager III. Am Abend des 24. Mai ist Mondfinsternis. Die Expeditionsmitglieder liegen in ihren Zelten, da bricht draussen Lärm los.

«Die Sherpas schlugen auf Pfannendeckel, flehten, klagten und beteten zu den Göttern, denn sie glaubten, diese hätten ihnen den Mond weggenommen», erzählt Marmet. Dank geduldigem Zureden gelingt es den Schweizern, die Sherpas zu beruhigen. Marmet erinnert sich daran, als sei es gestern gewesen.

Fredy Herren

 

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