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Berner Zeitung; 01. 05. 2006


50-Jahr-Jubiläum der Berner (Oberländer) Everest/Lhotse Expedition
– Festakt in Bern

Souverän am Gipfel – und am Zoll ...


Vor 50 Jahren schrieb eine Berner (Oberländer) Expedition Bergsteigergeschichte: Sie schaffte zwei Achttausender auf einen Streich. Gestern ehrten 700 Besucher im Kultur-Casino Bern die Protagonisten von damals.

«Das war eine Präzisionsarbeit und eine alpinistische Meisterleistung», zog Oswald Oelz gestern den Hut vor der legendären 1956er-Expedition. Mehr noch: Der Chefarzt, Autor und Höhenbergsteiger verfasste ein Buch über das Geschehen vor 50 Jahren. Darin wird geschildert, wie die Expedition zum doppelten Erfolg wurde: Erstens durch den Brienzer Ernst Reiss und den Thuner Fritz Luchsinger, die als Erste auf dem Lhotse (8516 m) standen. Zweitens gelang die zweite und dritte Everest-Begehung mit insgesamt vier Mann.

Erinnerungen an 1956

Drei Mitglieder der 13-köpfigen Expedition waren gestern im Kultur-Casino dabei, als das 50-Jahr-Jubiläum gefeiert wurde.

- Ernst Reiss erinnerte sich, wie er auf dem Gipfel des Lhotse nur einen Gedanken hatte: «Wie kommen wir hier bloss wieder heil runter?» Die Route, die er und Fritz Luchsinger als Erste bewältigten, gilt noch heute als äusserst anspruchsvoll.

- Der Berner Hans Rudolf von Gunten, der am 24. Mai 1956 auf dem Everest stand, schilderte den beschwerlichen Weg von Bern in den Himalaya. Ärger gab es nicht in erster Linie am Everest, sondern am indischen Zoll. Denn im Expeditionsgepäck befanden sich auch 20 kg Sprengstoff, um Eistürme im berüchtigten Khumbu-Gletscher wegzusprengen. Erst als Expeditionsleiter Albert Eggler kurzerhand ein Kilo einem indischen Oberst verschenkte, waren die Zollformalitäten erledigt ...

Den Gipfelgang hat von Gunten dafür in umso schönerer Erinnerung: «Dölf Reist und ich genossen das letzte Stück richtiggehend. Auch auf dem Gipfel ging es uns glänzend. Dölf musste sogar noch einen Film wechseln. Bei den alten Leicas keine einfache Sache, aber auch das schaffte er problemlos.»

- Jürg Marmet (am 23. Mai 1953 auf dem Everest) wunderte sich über das riesige Interesse. «40 Jahre sprach mich kaum jemand darauf an, doch in letzter Zeit gibt es einen richtigen Wirbel.» Der 79-jährige Spiezer, der in Allschwil wohnt («als Chemiker hatte ich es da näher zur Arbeit»), kehrte nie mehr in den Himalaya zurück. In diesem Winter fuhr er erstmals nicht mehr Ski. Doch da ist das letzte Wort noch nicht gesprochen: «Vielleicht fange ich nächstes Jahr wieder an», meinte der rüstige Oberländer, der auch seit 50 Jahren Mitglied beim SAC Niesen ist.

Fluch und Segen

In Bern wurde nicht nur in Erinnerungen geschwelgt, sondern auch der Bogen zur Gegenwart gespannt. So etwa mit einer Live-Schaltung zum Berner Expeditionsleiter Kari Kobler ins Everest-Basislager. Zudem dokumentierte der Thuner Thomas Zwahlen (2003 auf dem Everest) in einem Diafilm, wie viel sich seit 1956 am Berg verändert hat. Und die Oberländer Alpin-Journalistin Christine Kopp zeigte, dass die Expeditionen sowohl Segen als auch Fluch für die Sherpas sind. Zum einen verdienen sie als Träger ihr tägliches Brot, zum andern liessen allein am Everest schon über 100 ihr Leben.

«Was habt ihr da gemacht?»

Oswald Oelz, in der Bergsteigerszene als «Bulle» bekannt – und geschätzt –, sprach über die wilden Jahre am Everest («wir waren ein Sauhaufen von Individualisten»). 1978 war er mit Reinhold Messner und Peter Habeler unterwegs. Die beiden bestiegen den höchsten Berg der Welt (8850 m) als Erste ohne künstlichen Sauerstoff.» Im voraus war ihnen prophezeit worden, dass sie entweder überhaupt nicht zurück kehren würden - oder völlig verblödet. «Darum war ich schon froh» so Oelz mit trockenem Humor, «dass sie noch einigermassen bei Trost waren, als ich sie wieder traf.» Für ihn, der als dritter Mensch auf den «Seven Summits» (höchste Berge aller Kontinente) stand, war der Everest «ein gigantischer Kick fürs Ego».

Das war vor 50 Jahren noch nicht unbedingt so, wie Hans Rudolf von Gunten erzählte. Als er nach sechs Monaten wieder zur Arbeit erschien, meinte sein Chef bloss: «Es ist endlich Zeit, dass du wieder da bist. Was habt ihr eigentlich so lang gemacht?»

Rolf Hafner

Im Alpinen Museum in Bern ist bis am 13. August eine Sonderausstellung «Everest-Lhotse» zu sehen.

Das Buch «Everest-Lhotse ist im AS-Verlag, Zürich, erschienen.

Rolf Hafner

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